Mo 2 I 2023 Baarburg mit Irena 10:45

Manchmal drückt die Sonne durch einen dünnen Wolkenschleier. Das Licht ist hell, aber stumpf. Es ist warm, von Westen nähert sich eine Kaltfront, die Regen bringen wird.

Heute beginnt das 37. Jahr meiner regelmässigen Umgänge auf der Baarburg. 2583 mal habe ich das mit einem Bleistiftstrich an einem Holzpfosten im Unterstand festgehalten. Immer auf der Suche nach neuen Details und Veränderungen auf und um diesen geschichtsträchtigen Berg, auf dem es verborgene Spuren aus der Bronzezeit, der Zeit der Kelten und Römer und aus dem Mittelalter hat.
Meine Beobachtungen halte ich seit einigen Jahren in einer Bildergalerie zusätzlich fest. Auch die Menschen, die auf der Baarburg unterwegs sind, und das direkte Umfeld des Bergs gehören dazu. Die Vielfalt einer Landschaft im Grenzgebiet zwischen Voralpen und Mittelland.

1   2583

Über einem Warnschild vor Holzschlag ist eine leicht angerostete Kette einer Kettensäge drapiert.

 

So 8 I 2023 Baarburg mit Irena 11:00

 Auf der Hinfahrt hat es stark geregnet, aber bei der Baarburg lässt er nach, schwillt an und ab, hört nie ganz auf, ist aber ein Regen zum Geniessen. Die Luft ist frisch gewaschen, gegen die spärlichen Regentropfen genügt unsere Wollmütze.

Dem Wetter zum Trotz sind heute hier viele Leute unterwegs. Etwa zur Hälfte mit Hunden.

2   2584

Die Haselsträucher blühen. Anfang Januar, das ist schon sehr früh. Die Natur fällt aus ihrem Rhythmus.

 

Mo 16 I 2023 Baarburg mit Irena 10:45

 Nach einer sehr warmen ersten Januarhälfte ist es letzte Nacht winterlich kalt geworden. Auf den Teichen beim Waldeingang hat sich eine dünne Eisschicht gebildet.

An verschiedenen Orten im Wald hat Haareis filigrane kleine Skulpturen gebildet.

Das Haareis wird verursacht durch einen Pilz, der im Totholz wächst. Das weiss leuchtende wattenbauschartige Gebilde ist aber nicht der Pilz selbst, sondern Wasser, das vom Pilz aus dem Holz gedrückt wird und dort gefriert — das geschieht aber nur, wenn die Temperatur knapp unter Null ist.

3   2585

Die Landschaft ist farblich dreigeteilt. Im Tal schimmert weisser Raureif, an den grünen Hängen war es offensichtlich wärmer, aber dann kommt schon die Schneegrenze.

In einer Mulde unten im Wald taut der weisse Raureif auf einer Gruppe von Bäumen: dünne Nebelschleier werden vom leichten Biswind fortgeweht. Ein zauberhaftes Bild.

 

So 22 I 2023 Baarburg mit Irena 10:30

 Eine dünne Schneeschicht ist harsch gefroren. Der stürmische Wind gestern hat auf dem Berg den Schnee von den Bäumen geschüttelt.
Ab und zu kreuzen wir die Spur eines grossen Hirschs.

4   2586

Nun werden auch auf dem Bergplateau wieder viele Bäume gefällt. Der Kahlschlag wird ausgeweitet. Und das mit schweren Maschinen. Der weiche Waldboden ist bis zu halbmetertief durchfurcht. Weitere Bäume sind zum Fällen rot markiert.

Auf der kürzlich entwaldeten und geräumten Fläche stehen zwei Schatzsucher in signalfarbener Kleidung mit einem Metallsuchgerät. Sie haben eine offizielle Bewilligung und bis jetzt erst ein Zehnrappenstück gefunden.

Kreisrunde Schalenteile von Erlenkätzchen zeichnen ein pointillistisches Bild auf den Schnee.

 

So 29 I 2023 mit Irena 11:00

 Es ist kalt mit einer leichten Bise. Manchmal reisst die Hochnebeldecke kurz auf und die Sonne drückt durch. Die Waldstrasse ist zum Teil mit Eis bedeckt.

Frisch gefallene Nadeln zeichnen ein abstraktes Schriftbild auf den Schnee.

Im Unterschied zu den Laubbäumen, die ihre Blätter jeden Herbst verlieren, leben die Nadeln von Fichten und Tannen etwa zehn Jahre, bis sie abfallen. Das geschieht das ganze Jahr über, aber man sieht es fast nur im Winter.

Unter einer abgestorbenen Weisstanne liegen viele frische Holzsplitter. Hier hat wohl in der Höhe ein Specht ein Loch in den Stamm gehackt.

Der Kahlschlag auf dem Bergplateau geht weiter. Bald gibt es hier oben keinen Wald mehr, sondern nur noch Jungwaldplantagen. Manche der neuen Bäumchen entwickeln sich nur kümmerlich; so sind fast alle der jungen Eichen stark von Mehltau befallen. Einzig am Rand des Plateaus wird ein Saum von Buchen und Fichten naturverjüngt.

5   2587

Beim Unterstand fragt mich ein Paar in mittlerem Alter, ob ich derjenige sei, der regelmässig im Internet über die Baarburg schreibe. Ihnen gefallen besonders die Details und Muster in meiner Bildergalerie. Mit meinem „Protokoll“ sind sie auch auf den Blog des Autors Thomas Widmer aufmerksam geworden, den sie nun regelmässig gern lesen.  ttps://widmerwandertweiter.blogspot.com/

 

So 5 II 2023 Baarburg mit Irena 10:45

 Manchmal drückt die Sonne durch eine Wolkenlücke. Es ist kühl und der Wald ist noch nass vom Regen gestern. Bald aber schliesst sich die Wolkendecke und später, wie wir uns auf den Heimweg machen, beginnt es dann zu regnen.

Bis auf einige kleine Flecken in schattigen Mulden ist der Schnee verschwunden. Da der Boden nicht mehr gefroren ist, riecht es intensiv nach Walderde.

Der Holzschlag scheint für diesmal abgeschlossen. Die schweren Maschinen sind verschwunden, die Äste und Zweige der gefällten Bäume zu grossen Haufen geschichtet.

6   2588

 

So 12 II 2023 Baarburg mit Irena 11:00

 Die Sonne scheint aus blauem Himmel. Der Boden ist noch hart gefroren. Auf der dünnen Schneeschicht leuchten die in der Frostnacht gewachsenen Schneekristalle. Die Sonne steht schon deutlich höher als noch vor einem Monat. Die Farben im Wald sind satter geworden. An besonnten Stellen spürt man einen ersten Hauch von Frühling.

7  2589

Am Bergsockel blüht am Waldstrassenrand gelb leuchtend der erste Huflattich. Für mich ist das immer einer der ersten Frühlingsboten. Letztes Jahr war das einen Tag später am 13. Februar, vor zwei Jahren gar erst am 21. Februar.

 

So 19 II 2023 Baarburg mit Irena 10:45

 Wie wir uns auf den Weg machen, beginnt es zu nieseln. Das hört dann aber bald auf und manchmal drückt sogar kurz die Sonne durch und bringt die Winterfarben zum Leuchten.

Es ist sehr warm für diese Jahreszeit, so um die 10 Grad. Die feuchte Luft riecht intensiv nach Walderde und bei den Holzschlaggebieten auch nach Harz.

  2590


Am besonnten Südhang drücken die ersten Bärlauchblätter ihre Spitze durch den Waldboden. Ein weiterer Frühlingsbote!

Nach dem pilzreichen letzten Herbst sieht man jetzt vor allem noch Baumpilze, die auf Totholz, Baumstümpfen oder als Schädling an lebenden Bäumen leben. So auch eine schöne braunbeige striegelige Tramete auf einem Buchenstumpf.

 

So 26 II 2023 Baarburg mit Irena 10:30

 Die stürmische Bise fährt uns in die Knochen und rüttelt und reisst an den Bäumen. Einen efeuumwucherten hohen Baum hat der Wind quer über die Waldstrasse gerissen. Zum Glück sind wir bald im Windschatten. Dort ist es fast gespenstisch still und man hört das Tosen des Sturms nur im Hintergrund.

Der Boden ist leicht gefroren und ein mehr oder weniger dicht gewobener Graupelschleier bedeckt den Waldboden. Der weiss leuchtende Graupel bildet eine Art Raster, der im Wald fantastische Muster und Zeichnungen betont und akzentuiert. Braune Blätter skizzieren einen Männerkopf, ein liegender Stamm erhält eine fast unwirklich scheinende Plastizität.

Die glänzenden Blätterkelche der Stechpalmen sind zur Hälfte mit weiss leuchtendem Graupel gefüllt.

9   2591

 

So 5 III 2023 Baarburg mit Irena 11:00

Manchmal sieht man kurz die Sonnenscheibe durch den Hochnebelschleier, aber die Sonne kann sich nicht durchsetzen. Es bleibt grau, zudem weht eine leichte Bise, so dass sich die Temperatur kälter anfühlt als die gemessenen vier Grad.

Die vordere Waldstrasse ist für Fussgänger und Reiter gesperrt, aber niemand hält sich an das Verbot, da alle wissen, dass am Wochenende im Wald nicht gearbeitet wird.

Auf der Hinfahrt hat ein kleiner, dunkel gemusterter Fuchs vor uns die Strasse gequert. Und jetzt, wie wir vor dem Unterstand sitzen, springt eine Gemse nur wenige Meter hinter uns vorbei. Etwas später eine zweite.

Eine Spaziergängerin spricht mich an, sie freue sich immer über die Herzen, die ich aus Steinen am Waldstrassenrand oder auf Baumstümpfen lege. Ich entgegne, die seien nicht von mir, das müsse jemand anders sein. — Alle Zeichen und Strukturen, die ich fotografiere, sind eigentliche Fundsachen, eine zufällige Konstellation oder von Unbekannten gebildet. Eine Ausnahme sind die grösseren Assemblagen aus Ästen und Zweigen, die ich an einigen eher versteckten Orten über Monate und Jahre hinweg ergänze.

10   2592

Der Bärlauch spriesst und die Pestwurz blüht: Vorfrühling!

 

So 12 III 2023 Baarburg mit Irena 10:45

Der Regen flaut nicht ab, wie es der Wetterradar vorausgesehen hat, nimmt im Gegenteil zu, auf dem Rückweg prasselt er sogar heftig wie ein Sommerregen.

Es ist einige Grad über Null, der Boden ist nass und glitschig, der verbliebene matschige Schnee taut unter unseren Schritten.

In Mundart sagt man dem es gruusigs Hudelwätter.

Die Kaltfront gestern brachte nicht nur Schnee, sondern auch einen heftigen Sturm, der hier viele Äste heruntergerissen und einen abgestorbenen Baum weggeknickt hat.

11   2593

Heute sind nur sehr wenige Leute unterwegs, die dem garstigen Wetter trotzen.

Die Waldstrasse am Südhang ist immer noch gesperrt. Das Durchgangsverbot ist aber verschärft und präzisiert:


Schutzwald — Holzschlag
Durchgang verboten
Seilbahn


Wir wagen es trotzdem, müssen dann aber über einen Wall von schwerem Gerät, Baumstämmen und Ästen klettern.  — Mit „Schutzwald“ ist der steile und rutschige Hang zwischen der Waldstrasse und der weiter unten verlaufenden Kantonsstrasse gemeint.


 

So 19 III 2023 Baarburg mit Irena 10:30

Die Sonne scheint und es ist frühlingshaft warm. Aber bald kommen im Westen Wolken auf und am frühen Nachmittag beginnt es dann zu regnen.

Einige grosse Hummeln suchen den Waldboden nach den ersten Blüten ab.

Beim Unterstand richtet sich eine Familie mit Kindern und Hund für ein Lagerfeuer ein.

12   2594

Ein schön gemusterter C-Falter wärmt sich an der Sonne. Er hat hier überwintert und ist durch die warme Luft wieder aktiviert worden.

Auf den beiden jüngsten Kahlschlagflächen sind bereits die neuen Jungbäume gepflanzt und je mit einem Drahtgitter gegen Wildfrass geschützt.
Ein Stapel kleine Fichten wartet darauf, zwischen die jungen Bäume gepflanzt zu werden, damit Hirsch, Reh und Gemse etwas zu fressen haben und die geschützten Bäumchen in Ruhe lassen.

Die Schutzwaldrodung am südlichen Sockel der Baarburg scheint abgeschlossen. — Ich bin erstaunt über einen kleinen Stapel sauber gestutzte Eibenstämme am Strassenrand. Wir befinden uns hier am südlichen Rand eines Eibenbestands von europäischer Bedeutung, der sich vom Üetliberg bei Zürich über die Albiskette bis zur Baarburg hinzieht. Ich begreife nicht, wieso ausgerechnet an einem Rutschhang über einer Autostrasse Eiben gefällt werden. Gerade an steilen Hängen halten ihre Wurzeln den Boden zusammen und stabilisieren ihn.